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Der Name ist Programm... contra:factum

 

„Vom Himmel hoch, da komm ich her“ - Martin Luthers berühmtes Weihnachtslied ist eine Kontrafaktur: Das Spiellied „Aus fremden Landen komm ich her“ erklingt zu seiner Zeit in allen Gassen, ein echter „Gassenhauer“ eben. Luther greift die beliebte Melodie auf und versieht sie mit neuem, christlichem Text, in der Hoffnung, dass sich die Liedbotschaft umso schneller verbreiten möge...

Das lateinische „contrafacere“ bedeutet „nachahmen“ und bezeichnet eben dies: Ein populäres Lied – heute würden wir sagen einen Popsong – als publikumswirksames Transportmittel für geistliche Inhalte zu nutzen. Zu Luthers Zeit spricht man allerdings von „Parodie“ – freilich nicht im Sinne einer „Verulkung“, wie sie in der heutigen Bedeutung des Begriffs mitschwingt. Sehr früh entstehen regelrechte Parodie-Messen, in denen katholische Messtexte wie Kyrie oder Sanctus mit weltlichen Melodien unterlegt werden, bis diese  Praxis Mitte des 16. Jahrhunderts auf dem Tridentiner Konzil verboten wird.

Für Luthers reformatorische Ideen sind Kontrafakturen hingegen wie geschaffen – äußert er doch den dringenden Wunsch, „dass wir viel deutsche Gesänge hätten, die das Volk unter der Messe sänge“. Die neuen technischen Möglichkeiten des Buchdrucks und die Verbreitung von Liedtexten auf „Flugblättern“ tun ein übriges.

Der altertümlich anmutende Begriff „contrafactum“ wird erst sehr viel später geprägt und taucht erstmals in einem musikwissenschaftlichen Werk aus dem Jahr 1906 auf. Gleichwohl verweist er auf die oben beschriebene Technik, neue „Texte zu vorhandenen Formen und Melodien“ zu dichten.

Ein klein wenig sieht sich auch die Gruppe contra:factum in „lutherscher Gefolgschaft“: Auch ihr geht es darum, das – heute vielleicht nicht mehr ganz so populäre – Liedgut der Choräle „unters Volk“ zu bringen. Wobei es keineswegs um Neudichtungen geht. Die Choräle werden in Melodie und Wort in strenger „Werktreue“ dargeboten – lediglich die Arrangements und Interpretationen erleichtern mit ihrer Frische und Unverfangenheit den heutigen Zugang.